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Zwischen zwei Welten

Ich erinnere mich wie gestern daran, dass ich mit meiner besten Freundin in unserem Internatszimmer saß und wir uns dieses Versprechen gaben. Viel mehr aber erinnere ich mich daran, dass wir uns einfach nicht vorstellen konnten, jemals so alt zu werden oder noch schlimmer, jemals aufhören würden zu tanzen.

Aber von Vorne:

IMG_0001Ich war 13 Jahre alt, als ich mein Elternhaus in NRW  verließ und nach Berlin an die Staatliche Ballettschule Berlin und Schule für Artistik ging, die damals wie heute zu den besten Schulen ihrer Art gehört. Dort angenommen zu werden, war alles was ich je wollte und es kostete mich einige Überredungskunst meinem Papa gegenüber, dass er mich ließ. Meine Mama nicht. Sie war mein Schatten, meine gute Fee. Mein Papa war nicht dagegen, er wollte mich glücklich sehen, aber einen Künstlerberuf? Am Theater? Irgendwie hatte er sich etwas anderes für mich vorgestellt. Aber eigentlich war es ja abzusehen, dass dieser Tag kommen würde. Schon ziemlich schnell war klar, dass dies der Ort war an den ich gehörte und ich hatte Großes vor. Es war nicht immer leicht, ich war ja trotzdem noch ein Kind. Man erwartete viel von uns Kindern und wir verlangten noch mehr von uns selbst.  Wir lebten für den Tanz, das Ballett. Wir atmeten durch ihn. Wir lebten durch ihn. Wir taten alles für ihn. Wir hielten Schmerzen aus, die Müdigkeit und den Hunger. Alles für die Perfektion. Die Schönheit, die Grazie. Für andere klingt das hart, ja vielleicht sogar unmenschlich, aber eine Passion, eine Leidenschaft hilft einem dabei, diesen Weg zu gehen und es ist alles was man will. Man ist glücklich. Man fühlt sich als etwas Besonderes, wenn man es schafft. Wenn ich mich recht erinnere waren wir in der Abschlussklasse nur noch 10 Mädchen. Gestartet sind wir fast mit dem doppelten. Ich kam an das Volkstheater Rostock. Mein aller erster Job. Ganz alleine. Ohne fremde Hilfe. Eine Bühne, auf der ich nicht nur zu Gast sein sollte, sondern die ich zu meinem ,,zu Hause’’ machen wollte. Ich wollte sie erobern. Ich war mit 18 Jahren die jüngste in der Companie und während ich in den letzten Jahren der Schulzeit mich so sehr danach sehnte, mich nicht mehr allzu sehr behaupten zu müssen, meinen Platz verdient zu haben und daran glaubte, dass wenn man den Abschluss erst mal hat , dann ,,dazu’’ gehören würde, sollte ich nun leider eines besseren belehrt werden. Denn ich war das Kücken . Ich traf auf erfahrene Tänzer. Erfolgreiche Tänzer. Und ich war Niemand. Dieses Gefühl kam mir bekannt vor. Aber es entmutigte mich nicht. 2 Monate nach dem ich dort angefangen hatte, wollte es das Schicksal so: Zu meinem 19. Geburtstag bekam ich einen Solistenvertrag angeboten. Die folgenden 3 Jahre waren voll mit Rollen. Sie lehrten mir Erfahrung und Dankbarkeit. Ich war sehr erfolgreich und der Applaus gab mir recht. Ich genoss es. Der rote Vorhang , das Orchester, der Applaus. Im letzten Jahr auf dieser Bühne lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen. Ich war 19 Jahre. Um ehrlich zu sein, war ich gar nicht so sicher, ob das so ein guter Zeitpunkt war, immerhin gab es nur das Tanzen und es sollte eigentlich kein Platz für etwas anderes sein. So bläute man es uns in der Schule ein. Tänzer mit ernsthaften Beziehungen sind nicht so erfolgreich wie die, die ihren Weg alleine gingen. Doch die Liebe fällt hin, wo die Liebe hinfällt. Und ich bin regelrecht reingeplumst.

_DSC8154Von dem damaligen Tag im Juli 2004 bis heute, waren wir keinen Tag getrennt. Ein Paar seit eh und je. Und ja, vielleicht wäre ich noch erfolgreicher gewesen, wenn ich die Stunden, die ich mit ihm verbrachte, im Ballettsaal verbracht hätte, aber ich denke, ich wäre sehr viel weniger glücklich gewesen und ich habe in meinem Tänzerleben alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Ich war 9 Jahre Balletttänzerin an der Oper Leipzig und laut Vertrag bin ich es noch bis Juli diesen Jahres. Doch nun kommt der Teil mit der 30. Ich habe immer gesagt, dass ich dann schwanger werden würde, wenn ich mir sicher bin, dass es ok sei, wenn meine Karriere danach nicht weitergehen würde. Denn ich bin so aufgewachsen, dass man sich nie zwischen Familie und etwas anderem entscheiden sollte. Aber ich wollte es wissen. Ich habe viele Mamas gesehen, die so gerne wieder anfangen wollten und es nicht geschafft haben. Der Druck. Der Körper, der sich verändert. Die Zeit. Ich war überzeugt, ich würde beides können, ich würde nicht zu denen gehören, die es nicht geschafft haben. Genauso, wie ich niemals 30 werden würde. Man darf das nicht falsch verstehen, ich hatte keine Angst vor dem älter werden oder gar vor der magischen 30. Nein, es war einfach nur unvorstellbar, wenn man 13 Jahre alt ist. 

Meine erste Schwangerschaft war ein Segen. Es war Wolke 7, der Himmel auf Erden und das Paradies in einem. Es war das pure Glück und es gab nie eine Zeit in meinem Leben, die so schwerelos, so frei war wie diese 9 Monate. Es war ein Wunschkind. Wir hätten nie gedacht, dass es so schnell gehen würde. Dass ein Körper wie dieser so schnell schwanger werden könnte. Mit all den Dingen, die ich ihm über all die Jahre angetan hatte. Doch es ging rasant schnell. Wir lebten in den Tag hinein. Keine Zeitvorgaben. Keinen Stress. Keinen Druck oder Disziplin. Keiner der dich wegen  deiner zunehmenden Kilos verurteilte. Alle fanden dich hübsch und ich mich selber auch. Obwohl ich es nie für möglich gehalten hätte, mit ,,zunehmen’’ so glücklich zu sein. Dann war der kleine Mann da. Ein Notkaiserschnitt und die nachstehenden Komplikationen machten es mir schwer, mich an meine Plan zu halten. Es wurde verdammt schwer. Ich arbeitete hart und viel. Ich machte eine Diät nach der anderen. Ich denke für meine Mann war das nicht einfach. War ich doch all die letzten Monate so glücklich und entspannt, war ich nun völlig verbissen und ,,wahnsinnig’’. Aber nur als Frau mit der  Tänzerin in ihr. Das hatte nie, niemals was mit meinem Sohn zu tun. Es war fast so, als wohnten in mir zwei Persönlichkeiten: Die ruhige Mama mit viel Geduld und Ruhe, die unendlich viel Liebe zu geben hat und keine Sekunde verpassen wollte, ihren Sohn aufwachsen zu sehen. Und die Tänzerin. Verbissen, diszipliniert, ehrgeizig und blockiert. Es ging lange nicht so schnell wie ich mir das vorgestellt hatte. Eigentlich lief es gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich erreichte mein Ausgangsgewicht nicht, mein Klagen bei Ärzten und der festen Annahme, dass mit mir was nicht stimmte, brachten mir nur unbefriedigende Antworten. Bis hierher hatte ich einen harten Weg mit vielen Tränen.

Mein erster Arbeitstag kam. Mein Herz raste. Ich war die Erste im Ballettsaal der Oper Leipzig, um nicht die zu sein, zu der man hinsah, wenn sie nach so langer Zeit den Saal das erste Mal betreten würde. War es doch immer mein zu Hause gewesen, fühlte es sich jetzt so fremd an. Die, die mich kannten, gingen mit einem Lächeln an mir vorbei, mit ihren hochgesteckten Haaren und perfekten dünnen, durchtrainierten Körpern und dachten sich: ,,Was ist denn mit ihr passiert, die arme. So hat sie sich das sicher nicht vorgestellt.’’ Und die, die in den fast 2 Jahren, die ich nicht da war,  neu dazu gekommen waren und mich nicht kannten, würdigten mich nicht mal eines Blickes. Was furchtbar war. Keines dieser Kücken wusste wer ich bin, was ich schon geleistet hatte und wie viel mehr Erfahrung ich hatte. Wie viel besser ich war als sie und dass sie von mir noch lernen konnten. Das klingt arroganter, als ich bin (hihi, da spricht die keine Diva in mir), aber es schmerzte einfach. Und ich erfand immer neue Ausreden, die rechtfertigten, dass ich aussah wie ich nun mal aussah. Ich glaubte, dass sie mich alle anstarrten. Über mich redeten. Dabei hat es sie wahrscheinlich nicht mal interessiert. Genau wie es mich seinerzeit auch nicht interessierte. Ich kämpfte mich durch eine Spielzeit voller Tränen und Zweifel. Voller Angst und Demütigung. Ich kämpfte mich durch die Nächte, die mein Sohn mich brauchte. Ich kämpfte mit meinem Gewissen. Mit meinem Herz beides haben zu wollen. In der Oper hatte ich nicht viel zu tun, denn aufgrund meines Körpers wurde ich nicht besetzt und auch wenn dies auf beidseitigem Einverständnis geschah, war es nicht weniger schmerzhaft oder demütigend. Ich spielte die starke Frau. Die, die zu sich selber stand und stolz war, aber dem war lange nicht so. Etwas zerbrach in mir. Das Bild von der Tänzerin, die ich immer sein wollte. Es quälte mich, dass man denken könnte, ich sehe so aus, weil ich undiszipliniert sei, nicht weil mein Körper dies so entschied. Ich denke, meine Psyche spielte dabei eine große Rolle. Ich fühlte mich gefangen an einem Ort, an dem ich früher kaum wegzudenken war. Ich wollte bei meinem Sohn sein. Ich wollte Mama sein. Denn das war die Frau, die ich leiden konnte. Das war die Person, auf die ich stolz war, in deren Rolle ich mich sicher fühlte. Ich wollte zu dem kleinen Mann, der mich so liebte, wie ich bin. Wir hatten keine Familie in Leipzig, nur uns. Und mein Mann arbeitet bald schon in Berlin, was sich aus unseren Plänen für die Zukunft so ergab und leider nicht aufzuschieben war. 5 Monate zerrten die Leben als Tänzerin und als Mutter an mir. Das Herz der Mama weinte jede Nacht. Jeden Abend, den ich ihn bei jemand anderen lassen musste, um arbeiten zu gehen. Es war schrecklich. Und schon bald war klar, dass das nicht ging. Mein Mamaherz schaffte das nicht länger. Es ging so nicht weiter!

Bereits als ich mit meinem Sohn schwanger war, fing ich an zu fotografieren. Mein Talent dafür entdeckte mein Mann und auch er war es, der meine iPhone Kamera gegen eine Spiegelreflex tauschte. Er war meine neue gute Fee. Ich fotografierte für das Ballett und machte nebenbei Familienshootings und das so erfolgreich, dass es immer weniger wehtat sich von dem Gedanken Tänzerin zu sein, verabschieden zu müssen. Wann immer man mich vor die Entscheidung stellte: Mein Sohn oder die Probe, gab es keine Sekunde einen Zweifel, dass es mein Sohn ist, für den ich mich entscheide. Wir entschieden uns für ein zweites Kind, das wollten wir sowieso und dafür, dass ich leise meine Karriere beende. Ohne grossen Knall. Ohne eine letzte Vorstellung. Das war eh nie so mein Ding. Doch es kam anders. Ich fotografierte Backstage, als sich die zweite Hauptrolle schwer verletzte und die Vorstellung nicht weitertanzen konnte. Zur Premiere 4 Jahre zuvor, war dies meine Rolle gewesen. Die Rolle der Fotografin aus dem Ballett ,,Jim Morrison’’. Ich hatte 20 Minuten Zeit bis zum nächsten Auftritt. Und so kam ich doch noch zu meiner letzten Vorstellung. Danach wusste ich: Ich gehe. Ich konnte gehen. Ich wusste nun sicher wo ich hingehörte.

Es war die beste Entscheidung die ich treffen konnte und doch ist es nicht so einfach, wie es klingt. Denn ein Leben, dass ich mehr als 20 Jahre geführt habe, einfach so abzuschütteln, die Lebensweise, die Denkweise, das fühlt sich noch immer unmöglich an. Und es belastet mich. Es wird besser, aber es tut noch immer weh. Denn ich habe mich immer über das Tanzen definiert. Über meinen Körper. Darüber etwas Besonderes zu sein, weil man etwas aussergewöhnliches getan hat, weil man zur Elite gehörte. Wir fielen auf und jetzt? Bin ich niemand. Ich habe niemanden. Ich bin raus aus dieser Welt. Ich gehöre nicht mehr dazu. Und auch wenn ich meine neue Welt liebe und vieles in ihr genieße, gehöre ich noch nicht richtig dazu – es ist fast als sei ich hier fremd. Denn sich jemandem anzuvertrauen, der diese ,,alte’’ Welt nicht kennt, der kann nicht verstehen, warum man diese Komplexe hat, obwohl man doch scheinbar alles hat. Ja und dann? Dann fühlt man sich schlecht, weil man glaubt, sie könnten dich für undankbar halten. Aber so ist es nicht. Ich bin dankbar für alles, was ich meinem Leben erleben durfte. Für jede Rolle, jede Erfahrung, jeden Erfolg und Misserfolg. Ich bin dankbar für die Bühne, dafür dass ich auf ihr leben durfte. Dankbar für jeden Schmerz und jede Hürde, die mich dahin brachte wo ich heute bin. Dankbar für jeden Moment mit meinem Mann, der immerzu mein Netz ist, mein Lieblingsmensch. Ich bin dankbar für jede einzelne Sekunde, die ich mit meinen Kindern habe. Dafür, dass ich gesund bin und eine zweite Chance bekomme, einen Beruf zu erlernen, der genauso zu einer Leidenschaft geworden ist wie es das Tanzen einst war: Die Fotografie. Und doch: die Charakterzüge, die mich in meinem Leben dahin geführt haben, wo ich war, sind jetzt Züge, die mich manchmal daran hindern mich neu zu (er)finden. Eine Version 2.0 .Ich erwarte genauso viel wie immer von mir und verzweifle daran, nicht so auszusehen, wie ich es in meiner Vorstellung sollte. Und ich gebe mir die Schuld daran. Meinem Mangel an Disziplin und meiner fehlenden Geduld. Dabei möchte ich es so sehr. Frei sein. Frei von all dem Wahn nach Perfektion und Schönheit. Sie ist anstrengend, denn sie macht dich, selbst wenn du sie erreichen solltest, nicht viel glücklicher. Im Gegenteil.

image1-2Ich bin mit über 30 nun bereit ein neues Leben zu beginnen. Vielleicht ein Leben zu leben, dass ich vorher nicht konnte, auch wenn ich es nie wollte. Aber ich hänge fest. Zwischen zwei Welten, die sich einander kein bisschen ähneln. Doch langsam fange ich an, etwas zu verstehen: dass dieses Leben das wahre Leben ist, keine Show, kein Theaterstück und das hier ganz andere Dinge wertvoll sind. Mein ,,erstes’’ Leben war nur der Anfang, ein grandioser Auftakt aus Erfolg, Reisen und jeder Menge Emotionen. Doch jetzt ist es Zeit, durchzustarten. Mit der Liebe meines Lebens, zwei wundervollen Kindern und der Chance, noch einmal ganz von vorne anzufangen und geliebt zu werden, für den Menschen der ich bin und nicht für die Hülle, in der ich stecke.

Liebe Claudia, wir möchten uns ganz herzlich bei dir bedanken. Dein Einblick in eine ganz andere Welt hat und sehr beeindruckt und wir freuen uns schon sehr auf ein Wiedersehen. 

Wollt ihr auch mehr von Claudia und ihren Lieblingsmenschen sehen? Dann schaut mal hier!

Gast Mumlife

  • Julia

    Sosososososososo unfassbar schön geschrieben. Gänsehaut pur und ich konnte mich zu 100% in dich hineinversetzen – als absolute Nicht-Tänzerin. Chapeau und alles Liebe!!! <3 <3

    Liebe Grüße, Juli

    19. Mai 2016 at 2:44 PM Antworten

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  • Loriiiii hihiiiii nein das ist nicht mein Sohn das binhellip
  • Hello! Das bin ich Janine Aller guten Dinge sind 3hellip
  • Wir waren gestern auf den germanpressdays in Berlin unterwegs undhellip
  • Hausbesuch bei callicarlchen  selten haben wir so ein tolleshellip
  • Guten Morgen und einen schnen Start in die neue Wochehellip