to top

Ich glaube, ich kann nicht mehr…

Mal unter uns, ich habe den Satz „Ich kann nicht mehr“ bislang ziemlich inflationär benutzt. Meistens ging es dabei jedoch um ein weiteres Stück der Familienpizza (zu zweit, versteht sich), noch einen Drink (obwohl es nachmittags war und ich schon leicht einen sitzen hatte) oder um das Wiederholen gewisser sportlich-amourös angehauchter Aktivitäten.

 

Aber das meine ich hier nicht. Sondern das zutiefst aufrichtige Eingeständnis „Ich kann nicht mehr“ –  das kraftlose Bekenntnis einer völlig ausgepowerten Mama. Es fällt mir ehrlich gesagt gar nicht so einfach, den Text hier nieder zuschreiben, geht mit den Worten „Ich kann nicht mehr“ doch oftmals ein Verurteilen einher. Wie viel meckern ist in Ordnung? Wir haben uns den „Mama-Job“ doch schließlich selber ausgesucht. Andere schaffen das doch auch. Und das oftmals mit mehreren Kindern, allein erziehend oder mit Job, On-top. Ich habe dagegen nur ein Kind und bin momentan in Elternzeit. Warum stoße gerade ich so oft an meine Grenzen? Und was ist, wenn wir Mamas an den Punkt kommen, wo wir einfach nicht mehr können?

 

Aber fangen wir am Anfang an. Ich erinnere mich noch gut daran, als mein Baby (au weia, muss ich inzwischen etwas schon Kleinkind sagen?) das erste Mal gezahnt hat. Ihr Lieben, das war verdammt nochmal kein Zuckerschlecken! Der Junge ließ sich tagsüber nicht ablegen, so dass ich mich während dieser Zeit von jeglicher Selbstbestimmung verabschieden konnte. Während ich anfangs noch versuchte, alle möglichen To-Do‘s mit umgeschnalltem Baby zu erledigen, gab ich nach kurzer Zeit auf und reduzierte den Haushalt auf das Mindestmaß. Während ich also tagsüber einem Animateur ähnelte, mutierte ich nachts zu einer personifizierten Milchbar aka Einschlafhilfe mit integriertem Nachtlicht- und Schaukelfunktion. Ich habe mein einschläferndes „Shhhhh“ inzwischen so weit perfektioniert, dass ich selbst davon nach ca. einer Minute einschlafen kann. Leider wurde ich  nach maximal zehn Minuten wieder aus dem Schlaf gerissen. Mein Programm wiederholte sich während dieser Zeit, Nacht für Nacht, immer wieder – bis der neue Tag anbrach und mit den entsprechenden Tätigkeiten als Animateur auf mich wartete. Seinerzeit ließ der Männe mal eine unbedachte, jedoch folgenschwere Bemerkung fallen: „Na Muddi, machst ja gar keinen Haushalt mehr, muss ja entspannt sein, so ganz ohne Verpflichtungen…?“ Wisst ihr, eigentlich hätte ich ihn anbrüllen wollen. Ihn mit irgendetwas beschmeißen sollen. Aber ich sagte nichts dazu. Ich schwieg und redete zwei Tage lang nicht mit ihm. Spätestens da hätte man(n) sich Gedanken über meinen Gemütszustand machen müssen…

 

Aber die Erkenntnis ließ nicht lange auf sich warten. Als ich eines Tages mit Freundinnen zum Kaffee trinken verabredet war, legte ich Fred – wie immer – kurz in seine Wippe in unserem Badezimmer. Von dort aus konnte ich ihn normalerweise perfekt beschäftigen und mich gleichzeitig zurechtmachen. Da ich jedoch nicht mehr viel Zeit hatte (den ganzen Morgen durfte ich ja schon personal Animateur spielen) und meine hormonell geprägte Haut der eines Teenagers glich, musste ich mich fix schminken. Aber nix da. Der Junge schrie. Aber so richtig. Kein Spielzeug, kein Lied, kein Snack, nein nicht einmal Mamis Möppis können ihn damals zufriedenstellen. Er schreit und schreit und schreit. Da merke ich plötzlich, wie ich den Jungen zurück anschreie! Ich schreie und schreie und schreie und dabei fließen mir Tränen über die Wange. Erster Gedanke: Fuck! Jetzt verwischt auch noch das kack Make-Up! Zweiter Gedanke: Halt! Stop! Hier stimmt was nicht. Ich schaue das sgrölende Baby an, welches vor Schreck einen kurzen Augenblick perplex ist, sauge den Moment der Stille in mich auf, bevor der Kleine – wie zu erwarten – nur noch lauter schreit. Ich verlasse den Raum. Ohne Kind. Dabei verfluche ihn dafür, dass er mir meinen letzten Nerv raubt. Erst nach zwei Minuten kehre ich zurück zu ihm. Das waren mit Sicherheit die längsten zwei Minuten meines Lebens. Ich fühle mich wie die schlechteste Mutter der ganzen Welt, nehme ihn aus der Wippe und tröste ihn.

 

Klingt wie die übelste Lappalie, oder? Ja, war es vielleicht auch! Aber zu dem Zeitpunkt, bei meiner Verfassung, brachte es einfach das Fass zum Überlaufen. Ich traf mich übrigens danach mit meiner Freundin (ohne Make-Up, dafür mehr als verrotzt), sprach die vier magischen Worte aus und hörte nicht mehr auf zu weinen.  Zum einen, weil ich mir so schäbig vorkam. Mein armer Sohn leidet und ich komme mit einem pathetischen „Ich kann nicht mehr“ daher – man ey, was soll mein Kleiner dann bloß erst sagen? Aber zum anderen weinte ich, weil ich mir plötzlich unendlich leer vorkam. Ich hatte mich tagelang, wochenlang, monatelang hintenangestellt. Und das hatte gut funktioniert.  Aber irgendetwas war plötzlich aufgebraucht.

 

Zwar gilt es anschließend, die Gründe dafür zu hinterfragen und Lösungen zu finden, doch in dem Augenblick, wo der Satz ausgesprochen wird steht er als eine kleine Warnung im Raum. Ich war ehrlich gesagt ganz froh, mich doch mit meiner Freundin getroffen zu haben. Sie nahm mich erst in den Arm, dann nahm sie mir den weinenden Fred ab, so dass ich mich auf mich konzentrieren konnte. Klingt vielleicht blöd, aber das war in dem Augenblick irgendwie ungewohnt. Und es fühlte sich schrecklich an. Tatenlos, kraftlos daneben zustehen während dein Kind weint. Du willst dein Kind trösten und dich trotzdem gleichzeitig umdrehen und gehen. Ich blieb natürlich stehen, aber ließ mein Kind von ihr trösten. Dabei versuchte ich mir selbst zu versprechen, dass es nie wieder zu solch einer Situation kommen sollte.

 

Abends redete ich lange mit dem Männe darüber. Wie ich schon sagte, in derartigen Situationen ist es wichtig, die Gründe zu hinterfragen und Lösungen zu finden. Grund in diesem Fall: Fred zahnt. Und das scheinbar mit vollem Körpereinsatz. Tut gut, einen Grund zu haben. Etwas Greifbares. Dadurch fühlte ich mich zumindest  irgendwie weniger so, als würde ich scheitern. Ach, falls ihr mal keinen direkten Grund für kindliche Unpässlichkeit habt, nehmt einfach den Schub! #fuchs Der gute alte Schub geht immer! Auch die Lösung lagen ziemlich klar auf der Hand. Erstens, der Junge bekommt von uns eine LKW-Ladung voll mit Beißringen, gekühlten Spielzeugen, Zahnungsgel, homöopathische Kügelchen gegen Zahnschmerzen, eine neue Veilchenwurzel, Sophie die alte Kultgiraffe und ’n Zahnputz-Lernset zum drauf rum kauen. Zweitens, ich bekomme Zeit. Zeit für mich. Zeit, um aufzutanken. Um in die Stadt zu gehen. Um mich in die Badewanne zu legen. Um mich mit Freunden zu treffen. Zeit ohne Fred. Jaja, ich weiß, spätestens wenn ich zwei  Stunden von meinem Baby getrennt bin, bin ich die Erste, die ihr Handy zückt und jedem Menschen Fotos von Fred zeigt. Dann rede ständig nur über ihn. Frage mich, was er gerade macht. Vermisse ihn. Aber irgendwie rückt sowas auch die Gefühle etwas zurecht. Der Tunnelblick öffnet sich wieder ein Stück. Das Fass leert sich wieder.

 

Inzwischen erkenne ich solche sich anbahnenden Situationen schon früher. Ich bin dazu übergegangen, es sofort auszusprechen. Mir ist durchaus bewusst, dass uns unsere Kinder besonders während solcher anstrengenden Phasen eigentlich am meisten brauchen. Nach uns Verlangen. Aber es ist einfach keinem damit geholfen, wenn ich nur noch Rotz und Wasser heule, einen Anfall kriege und als Mama nicht mehr funktioniere. Ich mag mich in solchen Augenblicken nicht besonders. Schäme mich immer ein wenig. Vor Kurzem bin ich sogar für ein ganzes Wochenende ohne Kind weggefahren, nur um wieder klar zu kommen. Es war ein komisches Gefühl, sich so viel Zeit für sich einzufordern. Aber es tat verdammt gut! Fuck man, vielleicht bin ich einfach nicht die perfekte Über-Mutti, aber ich habe immerhin einen Weg gefunden, mit meiner gelegentlich aufkommenden Kraftlosigkeit umzugehen. Hin und wieder nehme mir kleine, aber feine Auszeiten. Hey, immerhin besser, es noch mal so weit kommen zu lassen, das eigenes Kind anzuschreien und zu verfluchen, nur weil mir die Kräfte fehlen. Ha! Denn wisst ihr was? Das spare ich mir lieber für Freds Pubertät auf… 😉

 

❌❤❌❤, eure Mimi

 

Mimi

Gestatten, Mimi, 31 Jahre alt, Mama vom kleinen Fredpaket (02/2016). In meinem „vorigen Leben“ habe ich was mit Mode gemacht. Heute stürme ich dagegen Babybasare, Spielplätze und Mamicafés - und liebe es! Seit der Schwangerschaft blogge ich über die wichtigsten Dinge im alltäglichen Mama-Wahnsinn, ohne alles zu ernst zu nehmen.

  • Lia

    Ich kann dich verstehen. Mir ging es ähnlich als mein Sohn klein war. Ich dachte ich müsste es alleine schaffen mich um ihn zu kümmern, habe aber gelernt das Auszeiten wichtig sind und man dann eine viel bessere Mutter sein kann, als eine die immer müde und genervt ist.

    9. Februar 2017 at 9:56 AM Antworten
  • Anne Voigt

    Danke für diesen tollen Beitrag! Es baut mich auf und hilft mir grad sehr!

    9. Februar 2017 at 11:08 AM Antworten
  • Jessica

    Mir wurde letztens gesagt: „dass du auch Zeit für dich selbst haben möchtest zeigt, dass du auch DU SELBST bleiben willst und nicht mit deinem Kind verschmilzt!“ Das tat mir soooo gut!
    Was wir alle nicht vergessen dürfen: früher war man nicht allein mit einem Baby. Die ganze Familie hat geholfen! Es ist eben nicht einfach und wir müssen uns nehmrn was wir brauchen, um „gute“ Eltern sein zu können.

    9. Februar 2017 at 11:52 AM Antworten
  • hannalakraft

    Puh da lief mir doch ein Tränchen über die Wange beim lesen, ist es mir doch gerade fast selbst wieder passiert… nach über einer Woche im Krankenlager (wenn ich krank werde, zeigt das eigentlich immer das was nicht stimmt – meistens Schlafmangel) bin ich durch und müder als je zuvor, denn mit Grippe lies es sich bei weinendem Kind, das ebenfalls krank war, so gar nicht erholen. Jetzt sind die Akkus auf, meine Mama, die in so Situation Paul mal nimmt, ist nun auch krank und ich weiß grad nicht wo ich noch Geduld oder Nerven herbekomme. Scheiße man… geht’s mir doch genauso wie dir, sobald ich dann weg bin vermiss ich ihn schon wieder. Danke für deine Ehrlichkeit! Schön zu lesen, dass es anderen Muttis auch so geht. Ich finde, du hast einen super Weg gefunden und darauf kannste stolz sein, das tut dir gut und Fred ist damit auch geholfen 😉
    xoxo

    9. Februar 2017 at 12:19 PM Antworten
  • leas_mama_30

    Danke für diesen durchaus ehrlichen Blogpost.
    Viel zu wenige Mama geben es offenen und ehrlich zu, ich zähle mich selber dazu. Wie du schon sagst,man schämt sich und denkt sich andere schaffen es doch auch, wieso ich nicht.
    Ich muss aber auch ganz ehrlich gestehen,das ich es mir am Anfang anders vorgestellt habe,also das Mama sein. Ich denke wir stellen es uns immer so rosarot vor,aber das es ein kräftezerrender Job ist bedenkt keiner. Nichtsdestotrotz lieben wir unsere Kinder abgöttisch und müssen lernen und Schwächen einzugestehen.

    Vielen Dank für den tollen Blogpost!!!
    Ich drücke dich ganz doll!

    9. Februar 2017 at 12:50 PM Antworten
  • Sevy Zadig

    Liebe Mimi, was soll ich nur sagen?!? Dein Artikel kommt bei mir wie gerufen. Noch heute noch habe ich mir dabei zugehört, wie ich sagte, „Ich kann nicht mehr. Seit 9 Monaten schlafe ich nicht mehr“. Dazu kommt, dass der Kleine wohl so grässlich zahnt/schubt (wtf, irgendwas ist immer) das sein Immunsystems schwächelt. Seit 6 (!) Wochen kämpfen wir beide mit den übelsten Infekten, Magen-Darm mit eingeschlossen. Ehrlich, so krass bin ich noch nie an meine körperlichen Grenzen gestoßen. Und es ist nicht so, dass ich nicht genügend familäre Unterstützung bekomme. Und trotzdem höre ich mich sagen: „Ich kann nicht mehr. Wie??? Wie schaffen es die anderen? Bin ich eine Loserin? Wie schaffen es andere 2 Jahre lang schlaflos zu bleiben und ich quengel hier von 9 Monaten?'“. Ich weiß die Antwort nicht bin Dir aber dankbar für diesen ehrlichen Bericht. So weiß ich wenigstens, ich bin nicht alleine.

    Sevy

    9. Februar 2017 at 3:54 PM Antworten
  • Luise

    Ich bin noch nie einer mir völlig fremden Person so dankbar gewesen. Danke für deine Worte, deine Ehrlichkeit und deinen Mut diese Seite des Mutterseins publik zu machen. Aufzuschreiben, worüber bestimmt sooo viele mit sich hardern und sich nicht trauen, darüber zu reden, aus Angst verurteilt zu werden. Ich kann nur sagen, ich war auch schon an so einem Punkt – und du hast es geschafft, die verwirrten Gedanken und Gefühle perfekt in Worte zu fassen. Danke dir!

    9. Februar 2017 at 9:35 PM Antworten
  • Juli

    Boah ey, Mimi…..ich hab dem nix hinzuzufügen…der Text liest sich soso toll und gleichzeitig traurig und die ganze Zeit denke ich nur „Oh Gott die Arme“ und „Verdammt, sie hat recht“ und „Ups, redet die von mir“. Ich habe solche Momente selten, aber es gibt sie und es tut unwahrscheinlich gut, deine offenen Worte zu lesen, auch wenn sie dir wahnsinnig schwer gefallen sind.

    Du triffst den Nagel oben auf den Kopf: „Aber zum anderen weinte ich, weil ich mir plötzlich unendlich leer vorkam. Ich hatte mich tagelang, wochenlang, monatelang hintenangestellt. Und das hatte gut funktioniert. Aber irgendetwas war plötzlich aufgebraucht.“
    –> Ich glaub, das ist das Kernproblem bzw der Grund, warum man die Ursache (Zahnen, SCHUB, etc) nicht immer so locker flockig wegsteckt.

    Ich wünsche dir (und allen Muddis denen es ähnlich geht) öfter mal ein Time Out zum Kraft auftanken <3

    Liebste Grüße und by the way ich find dich super – als Mama, als Mensch (soweit ich dich "digital" kenne) und als Bloggerin! <3

    12. Februar 2017 at 12:00 AM Antworten

Leave a Comment

  • Pssst Wollten euch nur fix eine gute Nacht wnschen hellip
  • Eine kleine Bilderreihe aus dem Tierpark letzten Samstag Wir entdecktenhellip
  • Wir hatten einen tollen Tag  mit shorma  noeserkidsclothinghellip
  • Ich habe mir berlegt ganz spontan fr 2 Tage anshellip
  • Abgesehen davon dass ich nicht den Unterschied zwischen Bodys Hosenhellip