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Eine Geburt

Meine Wunschvorstellung, verpackt in eine rosa Wolke, platze allerdings schon nach kurzer Zeit. Mein Gewicht nahm in den ersten Wochen rapide zu und es sollte sich bis zur Niederkunft nichts daran ändern.  Ja, beinahe alle 4 Wochen zählte ich weitere 4kg auf meinen Hüften. Ich veränderte mein Äußeres maximal, auf maximal. Nun gut, ich war schwanger und hatte den Freifahrtschein, um völlig unüberlegt zu essen. Denn ich war überzeugt, dass mit der Geburt alle Pfunde wieder schmelzen würden und ich beschwingt und auf leichtem Fuß in der alten Jeans das Krankenhaus verlassen würde. So naiv und unwissend war ich damals. Schlussendlich endete meine Schwangerschaft knapp 6 Wochen vor dem eigentlichen Termin und bis zu diesem Tag sollten es 40kg zusätzliches Gewicht werden. Man könnte auch behaupten, ich habe versucht mich zu verdoppeln.

Wie Ihr seht, kann ich mich prächtig und stundenlang durch meine bereits durchlebten Konfektionsgrößen schreiben,  aber eigentlich geht es hier viel mehr um das Ende meiner ersten Schwangerschaft. Die Geburt meines ersten Kindes.
Ich hatte eine komplett andere Geburt bestellt. Ein „Huch, Schatz, mir ist soeben die Fruchtblase geplatzt. Wir sollten hier schnell durchwischen und uns dann auf in die Klinik machen“. So und nicht anders sollte alles losgehen…
Der Anfang vom Ende dieser Schwangerschaft begann schon in der 28 SSW. Ich hatte ein ungutes Gefühl und komische Bauchschmerzen. Ich nahm es als ein Ziehen und einem Druck nach unten war. Nach kurzem Überlegen fuhr ich mit einer Freundin ins Krankenhaus. Dort teilte man mir mit, dass meine Nieren gestaut wären, mein Gebärmutterhals auf knapp 1 cm verkürzt und ich von nun an erstmal liegen sollte. Absolute Schonung – kein Problem… 
Ich war allerdings nicht darauf eingestellt, dass ich nun bis zur Geburt im Krankenhaus bleiben würde. Ich bezog also mein neues Zuhause, ein Bett, ein Tropf und ein CTG. Dort blieb ich liegen, für die nächsten 3,5 Wochen – denn ich durfte tatsächlich nicht mehr aufstehen. Ich sollte die Bettpfanne benutzen und nur nach Absprache und Erlaubnis einmal in der Woche duschen. Das Kopfteil meines Bettes wurde tiefer gestellt als meine Füße und zu allem Übel bereitete mir die Tokolyse (der Wehenhemmer) unglaubliches Herzrasen. Der Kleine hatte es sich derweil in mir gemütlich gemacht. Er saß zu diesem Zeitpunkt im Schneidersitz in meinem Becken und blickte nach vorn. Zur Kindslage sagte man mir, wir hätten noch etwas Zeit und der Kleine würde sich bestimmt noch in die Schädellage drehen.

Nach 3,5 Wochen entschied man, mich doch noch mal zu entlassen. Man verabschiedete mich mit den Worten „die Meisten übertragen in der Regel nach dem sie Wochenlang, Tag für Tag gebrütet haben.“
Ich möchte es an dieser Stelle abkürzen. Wir haben es nicht bis nach Hause geschafft. Nach knappen zehn Minuten im Auto bekam ich Wehen und keine 30 Minuten später lag ich im Kreißsaal und wir versuchten ein weiters Mal, die Wehen zu stoppen, um eine vorzeitige Geburt zu verhindern. So entschied man den Tropf nicht wieder abzunehmen und ich bezog abermals ein Zimmer.
Mit jeder Untersuchung zeichnete sich nun auch noch ein weiters Problem ab. Der kleine Mann in mir hatte es nicht eingesehen, seine mutmasslich sehr bequeme Haltung aufzugeben. Mit jedem Untersuchungstermin wurde eine natürliche Geburt unwahrscheinlicher. Sobald die 35 SSW erreicht sei, würde man mir den Tropf abnehmen und man schlug mir einen Kaiserschnitt vor.

Der Boden tat sich auf und ich wäre am liebsten darin versunken. Ich wollte doch so gern auf natürlichem Weg entbinden. So stellte ich den Ärzten immer wieder eine Frage: „was würden sie in meiner Situation tun?“ „Ich darf ihnen nicht sagen wie sie es tun sollen, jedoch würde ich eine natürliche Geburt vorziehen,“ hieß es. Ich lies mich aufklären.


• keine spontane Geburt in BEL ohne PDA
• völlige Beherrschung unter der Geburt
• wenn ich nicht pressen darf, dann darf ich auch nicht pressen
• wenn ich aufgefordert werde zu pressen, dann presse ich als gäbe es kein Morgen mehr


Der Tropf wurde an meinem Geburtstag entfernt. Ein toller Tag. Die Ärzte, Hebammen und Schwestern versammelten sich in meinem Zimmer und sangen für mich. Drei Tage später setzten die Wehen ein und ich bezog mein Zimmer im Kreissaal. Es waren unglaublich viele Menschen dabei. Zunächst wurde zwischen den Wehen die PDA gelegt. Nicht angenehm, aber auch nicht schlimm. Hätte ich die vielen Zettel zur Aufklärung im Vorfeld nicht unterschreiben müssen, hätte ich mich mutmaßlich auch nicht so gefürchtet.
Gut eingestellt, durfte ich warten. Ich spürte schmerzen, diese waren aber nicht mit den Schmerzen einer normalen Geburt vergleichbar (das weiß ich heute). Es sei wichtig zu spüren wann die Wehen da sind und wann nicht, denn nur so würde ich helfen können. Die Geburt schritt nur langsam voran, aber je langsamer desto besser, denn entgegen der Geburt in Schädellage, wird hier der Kopf zuletzt geboren. Das dicke Ende kommt also zum Schluss, denn während der Körper und die Nabelschnur bereits geboren sind, werde das Kind natürlich nicht mehr versorgt. Wie denn auch, die Leitung ist abgeklemmt.

Es hieß also aushalten und warten. Die PDA wurde immer schwächer eingestellt und meine Schmerzen und das Verlangen zu pressen wurden immer stärker. „Ich würde so gern pressen, aber ich darf nicht!“ habe ich sicherlich ein hundertfaches gesagt und als die Ärztin sagte: „die Hoden seien geboren“ und „ob ich mal fühlen wollte“, fragte ich sie ernsthaft ob das nun alles so lange dauert. Die Zeit zwischen den Wehen hatten wir alle gute Laune und aßen Weingummi. Es kamen Hebammenschülerinnen, denn eine Erstgebärende mit einer Beckenendlage sei nicht alltäglich. Im Zuge einer Wehe bekam ich einen Dammschnitt. Ich habe es nicht gespürt so stark waren mittlerweile die Geburtsschmerzen. Als der Hintern in unserer Welt angekommen war, pinkelte mein kleiner Sohn im hohen Bogen durch den Raum. Die Erleichterung, als sein Körper mit der nächsten Wehe geboren wurde war unglaublich erlösend. Die Hebamme forderte mich auf, mit der kommenden Wehe so stark zu pressen wie ich nur kann.

Mein Startsignal. „Ihr Sohn muss mit der nächsten Wehe geboren werden“ Und so kam es, ich presste was das Zeug hielt, mein Kopf wurde so rot, dass man hätte meinen können, er platz jeden Moment. Ich gebar meinen kleinen Sohn, mit dieser einen Pressewehe, knapp 6 Wochen vor seinem eigentlichen Entbindungstermin. Seine Hoden waren schwarz wie kleine Oliven und seine Hüften und der Po waren von Hämatomen gezeichnet. Er musste aufgrund seiner Atemschwäche direkt auf die Neo-Intensiv verlegt werden. „Er atmet so komisch, bitte helfen sie ihm“ Dann war er weg.
Ich wurde genäht, versorgt und dann hieß es wieder warten. Warten darauf, dass die PDA komplett aus meinen Beinen wich und ich zu meinem Sohn auf die Intensivstation gehen konnte.
Einige Stunden später sah ich meinen kleinen Sohn, angeschlossen an einen Monitor, mit Magensonde und Zugang am Kopf. Er lag schlafend auf der Brust seines Vaters.

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sein erstes Foto

Lorraine Wilhelm

Hi, ich bin Lorraine... Die meisten nennen mich Lori. Wir leben Patchwork 3.0 und bis vor kurzem war ich eine reine Jungsmutter. Buden bauen, Klettern und Fußball spielen kann ich schon seit Jahren. Im Oktober kam unsere kleine Frieda zu uns und nun entdecke ich nicht nur das Leben mit einem Nesthäkchen und dem alltäglichen Wahnsinn unserer zusammengewürfelten Familie, sondern außerdem das Abenteuer Mädchenmama. Schön, dass du da bist! Deine Lori

  • FBerlin

    Das hört sich nach einer beschwerlichen letzten Schwangerschaftsphase an. Ich hatte letztes Jahr auch eine natürliche Geburt aus Beckenendlage und fühle mich durch Deine Geschichte sehr an Vieles erinnert. Ich weiß noch, wieviel Panik ich hatte als es länger als geplant dauerte bis der Kopf draußen war , mich Ärzte, Hebamme und mein Freund angefeuert haben…Letztendlich ist zum Glück alles gutgegangen, die Kleine war putzmunter (bis auf einen blaue Po) und ich bin froh, dass ich um einen Kaiserschnitt herumgekommen bin. Schön dass Du Deine Geschichte teilst, ich hatte das Gefühl, dass die viele Menschen nicht wissen, dass auch bei BEL häufig eine natürliche Geburt möglich ist (natürlich nur, sofern medizinisch nichts dagegen spricht)!

    12. April 2016 at 2:35 PM Antworten
  • Azra

    Oh, liebe Lori. So etwas zu lesen, stimmt einen so traurig. In solchen Momenten schätzt man erst, dass die eigenen Geburt so ohne Komplikationen lief. Du bist eine tolle Frau, nein die ganze Familie finde ich klasse. Toller Eintrag

    13. April 2016 at 11:35 AM Antworten
  • Julia

    Liebe Lori,

    Hut ab. Eine Geburt in BEL habe ich mir immer wahnsinnig schwer vorgestellt und nach deinem Post bin ich umso glücklicher, dass meine Kleine sich, wenn auch recht spät, dazu entschlossen hat, sich zu drehen…sie lag lange ebenfalls mit dem Po nach unten und nach vorne schauend….mir war jedes Mal total mulmig, wenn ich an die Geburt dachte und ich war so erlöst, als man mir endlich verkündete, dass sie nun „richtig“ läge (ich glaube, das war so in der 35 SSW). Komischwerweise wurde mir zu dem Zeitpunkt seitens meiner Ärztin zu einem Kaiserschnitt geraten. Wie schön zu lesen, dass es aber auch anders geht 🙂

    Liebe Grüße
    Juli

    23. Mai 2016 at 10:37 PM Antworten

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  • Whrend sich die Vergleiche unseren mnnlichen Kollegen meist auf vermeintlichhellip
  • Zimtschneckenliebeserklrung  wer hat sie diese Jahr schon gemacht? Schlafthellip
  • Darf ich vorstellen dass bin ich mit knapp 3 Jahrenhellip
  • Loriiiii hihiiiii nein das ist nicht mein Sohn das binhellip
  • Hello! Das bin ich Janine Aller guten Dinge sind 3hellip