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Backenzahn-Burn-Out

Er heißt doch immer, dieses “Burn-out” sei eine typische Manager-Krankheit, oder? Das passiere immer dann, wenn diese arroganten Schlipstragenden, hochstudierten Geschäftsleute, die von der Spitze der Karriereleiter auf einen herab blicken, zu viel Verantwortung haben und wegen der ganzen psychischen Belastung irgendwann durchdrehen. Tja. Und dann komme ich daher. Wie Passend. Nicht.

Hallo. Ich bin Mimi. Ich leite eine kleines Familienunternehmen. Meine Familie. Und wisst ihr was? Und ich glaub’ ich habe auch irgendwie Burnout.

Aber von Anfang an. Fred zahnt mal wieder. Hilfe! Jeder einzelne Zahn hat mich bisher um mindestens ein Jahr altern lassen. Kein Wunder, dass man mich beim Kauf alkoholischer Getränke inzwischen schon nicht mehr nach meinem Ausweis fragt. Nun ja, könnte natürlich auch daran liegen, dass man mich in entsprechenden Läden schon kennt. Mist. Wie dem auch sei, Fred leidet richtig. Er weint und weint und weint. Und nörgelt. Und quängelt. Und schreit! Nichts kann ich ihm mehr recht machen. Jedes Spielzeug donnert er mir entgegen. Wenn ich ihn hochnehme, versucht er mir ins Gesicht zu beißen. Wenn ich ihn nicht hochnehme, beißt er mir stattdessen ins Bein. Sein Essen wird in der Gegend umher geschmissen. Seine leere Pulle vor Wut auf den Boden gehauen. Das abendliche Einschlafen zieht sich mitunter über Stunden hin. Durchschlafen sowieso Fehlanzeige, da er nachts eine endlose Flasche nach der nächsten weg-ext. Möchte an dieser Stelle gar nicht erst erwähnen, wie oft ich ihn nachts wickeln muss…

Und auch wenn ich weiß, dass er mich gerade mehr denn je braucht, denke ich stattdessen nur:

“VERDAMMTE SCHEIßE! Kann dieses Kind nicht mal eine verdammte Minute ruhig sein? Nur. Eine. Verdammte. Minute???”

Keine Ahnung, ob er die missmutigen Gedanken meines über die Maßen frustrierten Gesichtes inzwischen ablesen kann, aber sofort fängt er wieder an zu nörgeln. Ihr kennt das: Dieses fiese, eintönige verfluchte Geräusch, welches ich manchmal so unfassbar gerne ausblenden könnte! Und nachdem ich wieder alles erdenkliche versucht habe, um ihn irgendwie glücklich zu stimmen, fange ich irgendwann mit dem ignorieren an. Ich lasse ihn einfach weinen. Klar, das ist so ziemlich das letzte was ich mag, aber, man ey, es kann sich doch nicht immer nur alles um dieses Kind drehen, oder?! Vor allem, da ich mich auch irgendwann mal fertigmachen, aufräumen oder die Waschmaschine anschmeißen muss! Also rücke ich von ihm ab und widme mich anderen Aufgaben. Einmal etwas nicht fremdbestimmtes machen. Aber wisst ihr was?! Bei jeder einzelnen dieser kleinen, unbedeutenden Handlungen fechte ich einen inneren Kampf aus: Muss ich das heute denn wirklich tun? Kann das nicht noch etwas ruhen?? Sollte ich mich nicht besser um mein nörgelndes/weinendes/schreiendes Häufchen Elend kümmern??? Ich Rabenmutter.

Da ihn das Ignorieren nur noch wütender macht, und sein Schreien mal wieder neue Dimensionen annimmt, gebe ich irgendwann auf. Ich sage alle Termine ab, verbleibe weiterhin im Chaos und setze mich neben mein Kind. Da sitze ich dann und heule einfach mit. Ganz Bitterlich. Vielleicht 30 Sekunden lang. Dann raffe ich mich wieder auf und weiter geht’s.

Was soll’s. Ich meine, ich laufe doch eh schon wie ausgekotzt rum, bin froh wenn ich mich alle zwei Tage mal dusche. Was macht rausgehen da noch für einen Sinn?! Und mit wem sollte ich mich überhaupt treffen? Meine Freunde dürften inzwischen von meiner Stimmung etwas die Nase voll haben. Befürchte ich zumindest. Meine Gesprächsthemen beschränken sich momentan doch eh nur noch auf mein anstrengendes Baby, mein anstrengendes Baby und mein anstrengendes Baby. Außerdem habe ich Angst, dass alle sehen könnten, wie überfordert ich gerade bin. Wenn ich unterwegs Fred gegenüber laut werden würde. Oder mal wieder am Bahnhof heulen könnte. Tja. Und dann bleibe ich mal wieder alleine zuhause sitzen. Verbarrikadiere mich. Ich hätte momentan ja selbst keinen Bock, mit Jemandem wie mir abzuhängen! Naja, habe ja immer noch den Männe. Wobei ich so langsam feststellen muss, dass sich dieser Backenzahn-Burn-Out bereits negativ auf meine Ehe auswirkt. Haushalt, Abendessen, emphatische Gespräche sind bei mir gerade Fehlanzeige. Und dass man während solcher Zeiten wenig bis gar keinen Sex hat, ist wahrscheinlich auch jedem klar.

Aber das Schlimmste? Mir wird klar, dass ich meines eigenen Kindes gerade so verdammt überdrüssig bin. Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr. Ich will raus hier! Ohne Kind. Und ich schäme mich so unendlich für diese Gedanken…

Versteht mich nicht falsch, ich liebe mein Kind über alles auf der Welt und ich bereue es zu keiner Sekunde, Mama geworden zu sein. Aber hier läuft doch irgendwas gewaltig verkehrt, oder?

Alles was ich bislang tat, IMMER, mein ganzer Blick ist nur auf mein Kind gerichtet. Und das seit fast 18 Monaten. Wenn es ihm gut geht, geht es mir auch gut. Wenn er lacht, hüpft mein Herz. Wenn er neue Dinge erforscht, leuchten meine Augen mit. Aber wenn er Schmerzen hat und ich ihm nicht helfen kann, bricht in mir eine kleine Welt zusammen. Und wenn ich ihm dann all mein Kraft geben will, aber feststellen muss, dass keine Kraft mehr übrig ist, dann kack ich ab. Und genau dann kommt es zu diesen Augenblicken, bei denen ich mich selbst nicht wiedererkenne. Da passiert eine kleine Lappalie und sofort werde ich wieder zu diesem schrecklichen kleinen Häufchen Mama-Elend. Das, was neben seinem Kind sitzt und heult, statt ihm zu helfen. Mit Scheuklappen auf. Fühle mich alleine und sehe nicht mehr, was ich jeden Tag leiste. Ich sehe nur noch den auf dem Boden sitzenden Versager, der mit dem Erziehen eines einzigen Kindes schon überfordert ist. Es ist, als hätte ich einen Tunnelblick. Klar, theoretisch weiß ich ja, dass ich wahrscheinlich nur mal wieder Zeit für mich bräuchte. Und mir meine Familie und meine Freunde sofort helfen würden, wenn sie mich so sähen. Aber irgendwie bin ich einfach nicht imstande, das einzufordern. Zumindest nicht in solchen Augenblicken.

Was ich schließlich dagegen tat? Keine Ahnung! Stecke ja gefühlt noch immer etwas drin. Aber habe es immerhin inzwischen ausgesprochen. Vor meinen Freunden, meiner Familie und auch vor Euch. Ich habe versucht, den Tunnelblick abzulegen. Ganz klar. Ohne Scham. Ohne Eitelkeit. Und dann merkte ich plötzlich, welch unfassbar großer Solidarität ich begegnete. “Kenn ich!”, “Geht vorbei, nur eine Phase!”, “Leg dich mal hin, ich nehme Fred!”, “Ich drücke dich ganz feste! Das wird schon!”. Mein Herz und mein Verstand waren plötzlich wieder fähig, nach links und rechts zu gucken. Und da lauern so viele Menschen, die mir helfen. Ich muss es nur annehmen. Wie war das noch? Alles nur ‘ne Phase? Ist was dran! Ich atmete auf. Mein Hals befreite sich nach und nach von den Schlingen.

Und wisst ihr was? Ich habe es heute sogar mal wieder geschafft, ganz alleine für ein paar Stunden zum Frisör zu verschwinden. Klingt vielleicht lächerlich. Aber scheiße nochmal, das tat einfach so unfassbar gut…

Ich drück’ euch,

Mimi

 

PS: BÄM! Kann nur besser werde! In 28 Tagen und 11 Stunden beginnt ja zudem endlich Freds Eingewähnung in der Krippe!

 

Mimi

<p>Gestatten, Mimi, 31 Jahre alt, Mama vom kleinen Fredpaket (02/2016). In meinem „vorigen Leben“ habe ich was mit Mode gemacht. Heute stürme ich dagegen Babybasare, Spielplätze und Mamicafés – und liebe es! Seit der Schwangerschaft blogge ich über die wichtigsten Dinge im alltäglichen Mama-Wahnsinn, ohne alles zu ernst zu nehmen.</p>

  • Daniela

    Du sprichst mir wirklich aus der Seele! Mein kleiner ist einen Monat älter als deiner und genau so läuft es bei uns auch ab. Nur dass ich noch eine vierjährige Tochter habe, die unendlich viel zurückstecken muss und ihren Unmut darüber heftigst zum Ausdruck bringt (mal davon abgesehen, dass sie ihren Bruder hasst, weil er ihr die 100%ige Aufmerksamkeit gestohlen hat). Es ist so schwer und ich habe so gut wie keine Unterstützung. Ich hoffe sehr, dass es bald vorbei ist…

    3. August 2017 at 9:11 PM Antworten
  • Antonella - coccinella.mia

    Ich kann jedes Wort so gut nachvollziehen. Hier läuft aktuell genau das gleiche ab (4 Backenzähne auf einmal und vermutlich noch schneidezähne). Ich habe Elia noch nie SO unausgeglichen erlebt. Man stößt echt an seine Grenzen und auch ich stitze oft heulend da. Ich hoffe auch das alles bald vorbei ist und wir uns gemeinsam wieder etwas “entspannen” können. fühl dich gedrückt

    3. August 2017 at 9:12 PM Antworten
  • Linda

    Hey Mimi,
    es klingt immer so abgedroschen, aber es ist wirklich unglaublich wichtig, dass du dir Zeit für dich nimmst, um neue Kraft zu tanken. Das hab ich ganz besonders vor wenigen Wochen erst in der Mutter-Kind-Kur nochmal ganz deutlich gemerkt und “eingetrichtert” bekommen. (Obwohl ich es vorher schon wusste.) Denn ohne die nötige Kraft nützt du weder dir noch deiner Familie was. Vielleicht (sehr wahrscheinlich sogar) spürt Fred das ja auch. Ich hoffe, ihr findet euren Weg und eure Entspannung wieder!
    Alles Liebe
    Linda

    3. August 2017 at 9:20 PM Antworten
      • Linda

        Wir sind auch seit ein paar Tagen in der Eingewöhnung. Auch, wenn es erst mal ein komisches Gefühl ist, sein Kind bald da zulassen, freue ich mich ein bisschen auf meine neuen Freiheiten. Ich brauch einfach Zeit für mich, immer schon. Mit Kind war das ja erst mal eine große Umstellung, schließlich musste ich da logischerweise ordentlich zurückschrauben. Aber jetzt hab ich kein schlechtes Gewissen mehr, mir die Zeit auch zu nehmen. Die Kur ging übrigens über drei Wochen. Ich glaube das ist so standard. Es hat wirklich unglaublich gut getan. Ich bin in vielen Situationen so viel entspannter, nicht nur mein Kind betreffend, auch mich selbst.
        Vielleicht wäre das ja auch was für euch! Vielleicht entspannt sich aber auch vieles schon durch die Krippe! Ich wünsch es euch!

        4. September 2017 at 10:26 PM
  • Mösi

    Liebe Mimi, DANKE für deine ehrlichen Worte! Mir geht es zur Zeit immer öfter so, dass ich mir “Urlaub” von meiner gesamten Familie wünsche. Einfach alleine sein, mehr wünsche ich mir nicht. Ein simpler Wunsch, hinter dem mehr steckt, als man sich eigentlich als Mutter wünschen darf. Ich liebe mein Kind. Kein “aber” sollte eigentlich nach diesem Satz folgen. Tut es dennoch. Denn ich liebe mein Kind, aber manchmal treibt es mich in den Wahnsinn und ich heule einfach los. Aus Überforderung, Verzweiflung und weil ich das Gefühl habe, allein zu sein, obwohl ich permanent zu Zweit bin. Vor allem Trotzanfälle und Provokationen seinerseits treiben mich an meine Grenzen und weit darüber hinaus. Du bist nicht alleine mit deinen Problemen. Aber du hast das Recht alleine zu sein – mit dir selbst. Gönn dir deine kleinen Auszeiten. Dann wird Fred dich mehr wertschätzen und du dich ebenfalls. Und dein Mann deine Arbeit als Mutter. Fühl dich gedrückt <3

    4. August 2017 at 1:05 PM Antworten
  • Sabrina Schulz

    …das erinnert mich so sehr an mich selbst. Wenn du mal raus willst, Algermissen und Umgebung wartet auf dich 😉

    4. August 2017 at 7:54 PM Antworten

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  • Wir haben heute mal was ganz anderes fr euch! Mithellip
  • mumlifeontour Wir sind gerade erst angekommen aber schon erholt Dashellip
  • Also verstecken ist nicht mehr Alle schlafen noch nur ichhellip
  • Aber umso nher der Flug allmhlich kommt umso grer werdenhellip
  • Mein Krper und meine ewige Dankbarkeit er musste viel aushaltenhellip