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5 Fehlgeburten in 2 Jahren – Wieviel kann eine Frau ertragen?

Ich muss gestehen, dass mir ein wenig die Worte fehlen. Ich habe vor einigen Wochen eine Frau kennengelernt. Eine tolle, lustige und überaus lebensfrohe Person. Als mir vor kurzem genau diese tolle Frau eine Mail schrieb, eine Mail mit allem Kummer und aller Trauer der letzten 2 Jahre, war ich leer und mir liefen mit jedem Absatz ihrer Geschichte die Tränen übers Gesicht.

Was bin ich nur für ein unsensibler Mensch, habe ich mich gefragt. Warum habe ich die tiefe Traurigkeit nicht erkannt? Warum spricht darüber niemand?

Mit dem Wunsch, dass am Ende alles gut wird, dass es ein Happy End gibt, bedanke ich mich bei dir, liebe Nina. Den Kontakt zu ihr findet ihr hier.

5 Fehlgeburten in 2 Jahren - Wieviel kann eine Frau ertragen

Jetzt sitze ich hier in diesem kahlen Zimmer mit dem Kreuz an der Wand, schaue aus dem Fenster, sehe das Treiben am Himmel… Viel los da oben! Während ich auf meine anstehende Kürettage warte, wird mir so viel klar…was ich nicht für mich behalten möchte, nicht für mich behalten darf.

Im Nebenzimmer schreit ein Baby voller Inbrunst. Es hört sich so wundervoll an, nach Leben, nach Liebe und nach Nähe…und gleichzeitig kann ich es nur schwer ertragen, weil es gefühlt all das beinhaltet, was mir gerade genommen wird. Natürlich stelle ich Fragen. Warum? Warum schon wieder? Was wäre wenn?
Aber es gibt keine Antwort darauf! Nicht jetzt, in diesem Moment.

Ich habe bereits ein gesundes Kind. Sie kam schneller zu uns als wir denken konnten. Kaum aus den Flitterwochen zurück, zeigte der Test 2 rosa Streifen an. Wir konnten unser Glück nicht fassen! Haben wir doch unter nächtlichen Cocktailexzessen gerade mal den Startschuss gewagt. Volltreffer! Als sie geboren war, lag der Fokus auf ihr! Lange! Sehr lange! Wir konnten uns zunächst nicht vorstellen noch ein Kind zu bekommen. Sie erforderte doch schließlich all unsere Kraft und Liebe.

Doch dann war er plötzlich da, der Wunsch nach einem zweitem Kind! Die Überzeugung, das alles nochmal zu schaffen und vor allem es schaffen zu wollen. Es war noch so viel Liebe  da, die darauf wartete verteilt zu werden. Wir waren noch nicht komplett. Wir wollten unbedingt noch einmal diesen Zauber des Wachsens erleben, unserer Tochter und einem Geschwisterchen dabei zusehen und es dabei unterstützen- und so gerne nochmal erfahren, was man dadurch alles zurückbekommt. Diese große Zufriedenheit, diese tiefe Dankbarkeit, diese starke Bindung, all die Liebe, den Wehmut und das Glück!

Dass es unsere Tochter gibt, ist ein Segen, mein Lichtblick…aber es ist kein völliger Trost! Es ist keine Therapie, denn die Verluste wiegen schwer. Und die Trauer um diese kurzen Leben belasten mich, sie belasten uns, sie belasten Familie und Freundschaften. Es ist eine Herausforderung, jeden neuen Tag zu meistern. Dem Kind mit Geduld zu begegnen, obwohl die Nerven blank liegen. Freunden ehrliches Interesse und Empathie zu zeigen, obwohl man gerade in seiner eigenen verzwickten Welt festhängt. Dem Mann Aufmerksamkeit und Nähe zu schenken, obwohl man keinen klaren Gedanken fassen kann und sich am liebsten selbst nicht spüren möchte. Schwangerschaften machen nicht nur die Birne weich, sondern auch den Körper.

Alle meine Fehlgeburten erfolgten im ersten Schwangerschaftsdrittel. Die ersten beiden Schwangerschaften nach meiner Erstgeborenen sind in der 7. Woche selbständig abgeblutet.

Die erste habe ich nur erahnt, weil wir auf ein Geschwisterchen warteten. Ein Anstieg des HCG-Wertes bestätigte die Vermutung.
Bei der zweiten hab ich schon sehr früh getestet. Dass der Körper selbständig mit einem Abort reagiert hat, war erstmal traurig, aber damit konnte ich doch recht gut umgehen. Die Natur hat entschieden und das scheinbare Problem mit einer verspäteten und stärkeren Blutung gelöst.

In der dritten Schwangerschaft machte es sich das Böhnchen jedoch gemütlicher, das Herzchen schlug kräftig…und hörte in der 11. Woche wieder auf zu schlagen. Alles ging ganz schnell, die Ärztin überwies mich in eine große Klinik, wo ich mit drei krebskranken Frauen auf einem Zimmer lag und einen ganzen Tag lang auf die Ausschabung wartete, während die Frauen sich ausmalten wieviel Zeit ihnen noch bliebe. Schrecklich! Niemand fragte nach meinem Befinden, kein Arzt, keine Schwester. Warum auch, ich selbst fühlte mich ganz deplatziert mit meinem Problem. Mir wurde „nur“ etwas totes Gewebe aus dem Leib geschnitten- eine Bagatellsache. Ich ging danach wieder nach Hause. Konnte das eine der anderen?

Mein Kreislauf hat die OP nicht gut verpackt- und auch nicht meine Seele. Ich fiel in ein Loch! Was für eine skurile und ernüchternde Erfahrung.

Doch wir wollten nicht aufgeben

Ich wurde relativ schnell wieder schwanger. Denn das Schwangerwerden ist nicht das Problem, im Gegensatz zu vielen anderen Paaren mit Kinderwunsch. Soweit kamen wir also schonmal!

Aber auch dieses Böhnchen schaffte es nicht. Aufgrund der schlechten Erfahrung wartete ich diesmal auf eigenen Wunsch über drei Wochen lang (mit Unterstützung meines neuen großartigen Gynäkologen und meiner lieben Hebamme) bis das Böhnchen von selbst ging. Es waren 3 Wochen endlosen Wartens und Trauerns bis endlich die „kleine Geburt“ zu Hause erfolgte. Ich kam zwar nur bis zur 9. Woche, hatte jedoch nach mehrtägigen leichten Blutungen am Tag des Abgangs förmlich wehenartige starke und schmerzhafte Krämpfe und verlor neben viel Gewebe und Blut eine intakte Fruchtblase und zum Schluss die kleine Plazenta im Klo. Es war die richtige Entscheidung zu Warten, trotzdem ich nicht auf die Heftigkeit dieses Endes vorbereitet war. Schockstarre!

Deshalb entschied ich mich in dieser letzten Schwangerschaft, in dem das kleine Herzchen wieder in der 9. Woche aufhörte zu schlagen, in ein kleineres kirchliches Krankenhaus zu gehen, um doch nochmal eine Kürettage vornehmen zu lassen.
Ich bekam einen festen Op-Termin und man begegnete mir mit viel Anteilnahme, Freundlichkeit und Respekt.

Der Oberarzt führte ein (unfreiwilliges) Seelsorgegespräch mit mir – denn bis dahin redete ich mir ein, die Fehlgeburten bereits akzeptiert zu haben. Er sagte mir, dass es medizinisch möglich sei, dass ein Körper sich schnell wieder auf eine neue Schwangerschaft einstellt, die Seele jedoch benötige Zeit. „Diese toten Kinder müssen betrauert werden! Ihre Seele muss zur Ruhe kommen! Es tut mir so leid für Sie!“

Zum ersten Mal erwähnte jemand die Worte „Kind“ und sogar „Gedenkfeier“, zum ersten Mal sagte ein Arzt, dass es ihm leid tue und dass ich mich mit dem Verlust auseinandersetzen müsse, anstatt dass es in 3 Monaten „wieder losgehen“ könne!

Es war so viel Wahres dran! Mir schossen die Tränen in die Augen! Ich habe es NICHT verarbeitet, sondern habe gedacht, jede neue Schwangerschaft würde das Erlebte einfach verblassen lassen. Falsch!

Ich muss meine Traurigkeit zulassen dürfen- und meine Wut!

Trauer um die Kinder, die in unserer Familie einen Platz hätten finden können und nicht nur in unserem Herzen, die auf unserem Sofa hätten springen und mit ihrer Schwester zur Schule fahren können. Und Wut auf diese leistungsorientierte Gesellschaft, in der man ständig tabuisiert, abschwächt und verschweigt, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

Ich habe (neben lieben Menschen, die immer ein Ohr für mich hatten und haben) so oft gehört, dass ich doch froh sein solle, dass es so „früh“ passiert sei, dass es nicht erst zur „Halbzeit“ oder gar nach Geburt passiert sei, dass ich nicht „mit dem Leben spielen“ solle, wo ich doch ein gesundes Kind hätte und „dankbar“ dafür sein müsse, dass es nur ein „Zellhaufen“ gewesen sei und dass es „immer noch viel schlimmeres“ gäbe!

Natürlich bin ich dankbar für meine hübsche, kluge Tochter, meinen wunderbaren Ehemann, für mein Leben, dass ich führe. Natürlich gibt es viele endlos schlimme Schicksale.

Aber mein Schmerz ist doch da, ganz real, hier und jetzt!

Warum also soll ich ihn nicht zulassen? Warum und für wen muss ich ihn verschweigen? Keiner kann ihn spüren wie ich!
Er bestimmt meinen Alltag, schwächt meinen Körper, meine Energie für mich und andere Menschen und Dinge, lässt mich meiner Arbeit nicht konzentriert nachgehen! Also muss ich mich doch diesem Schmerz, dem Verlust, ja, meiner toten Kindern stellen.

Ich war schwanger- und es ist nicht wichtig wie lange und ob ich schon Mutter bin- ich habe etwas bei mir gehabt, was ich gehen lassen musste. Und das muss respektiert und ernst genommen werden! Und es muss verarbeitet werden!

Er bestimmt meinen Alltag, schwächt meinen Körper, meine Energie für mich und andere Menschen und Dinge, lässt mich meiner Arbeit nicht konzentriert nachgehen! Also muss ich mich doch diesem Schmerz, dem Verlust, ja, meinen toten Kindern stellen.

Ich war schwanger- und es ist nicht wichtig wie lange und ob ich schon Mutter bin- ich habe etwas bei mir gehabt, was ich gehen lassen musste. Und das muss respektiert und ernst genommen werden! Und es muss verarbeitet werden!

Warum ich darüber schreibe?

Weil es vielen Frauen so geht wie mir und euch möchte ich sagen:
Ich kann euch so gut verstehen!
Redet über euren Verlust!
Tragt euren Schmerz nach außen und holt euch Hilfe!!!
Wir fühlen uns allein, sind es aber nicht!

Ich selbst bin noch am Anfang meines Weges. Mit diesem Beitrag ist für mich jedoch ein erster Schritt nach vorn geschafft.

Wenn auch ihr einen Raum für eure Geschichte sucht, dann schreibt uns eine Mail an mumlife@web.de

Lorraine Wilhelm

Hi, ich bin Lorraine... Die meisten nennen mich Lori. Wir leben Patchwork 3.0 und bis vor kurzem war ich eine reine Jungsmutter. Buden bauen, Klettern und Fußball spielen kann ich schon seit Jahren. Im Oktober kam unsere kleine Frieda zu uns und nun entdecke ich nicht nur das Leben mit einem Nesthäkchen und dem alltäglichen Wahnsinn unserer zusammengewürfelten Familie, sondern außerdem das Abenteuer Mädchenmama. Schön, dass du da bist! Deine Lori

  • V. Anderka

    Danke für diesen Beitrag! Er spricht mir aus der Seele. Auch, wenn es bei mir nur 2 Kinder waren, die ich gehen lassen musste, so ist der Schmerz nicht zu beschreiben. Es sind so winzig kleine Lebewesen, manch einer nennt es sogar nur „Zellklumpen“ – aber man ist Mama und man freut sich so sehr auf dieses Baby. Und dann muss man es gehen lassen. Egal, wie sehr der Kopf einem erklärt dass es schon seine Gründe haben wird – das Herz kann diese nicht verstehen und weint und schreit vor Schmerz. Ich habe lange gebraucht, um diesen Schmerz auch nur im Ansatz zuzulassen – man soll und muss ja weiterhin für die Familie da sein, seine Rolle als Mama und Ehefrau ausfüllen – da hat man zum Trauern keinen Platz. Am schlimmsten war für mich immer der Satz „Hab dich nicht so, das passiert so vielen!“

    Ja, das mag sein. Aber ändert das etwas an meinem Schmerz, an meinem Verlust? Nein.

    Danke. Danke für deine offenen, ehrlichen Worte. Danke, dass du darüber schreibst, wie es ist. Denn ich kann zwar nur von mir als Einzelperson reden, aber es hilft. Man ist nicht alleine. Das vergisst man oft – und durch deine Geschichte wird es wieder real.

    Ich wünsche dir und deiner Familie von Herzen alles erdenklich Gute und Liebe und Gottes Segen! Vroni

    30. Dezember 2016 at 8:04 PM Antworten
    • Nina

      Liebe Vroni, vielen Dank für dein Feedback. Dein Kommentar hier und auch die vielen bei instagram zeigen mir, dass es der beste Weg war meine Geschichte zu erzählen. Sie erreicht die richtigen Menschen. Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen persönlichen Schmerz überwinden wirst und dass sich deine Wünsche erfüllen werden.
      Alles Liebe, Nina

      7. Januar 2017 at 11:26 AM Antworten

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  • liebe Susan B! Fahr schon mal den Wagen vor wirhellip
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